_279_ Bitterer Kaffee
Die Suppe 'konnte man schneiden' und der Löffel 'stand aufrecht im Heferl'. Im Rückblick wirkt so manches kulinarische Ereignis kräftig, intensiv und unerreicht. Gegenwärtige Reproduktionen sind immer nur ein fahler Abklatsch. Sämtliches Bemühen nach Raffinesse ist vergeblich, und schon dem Anspruch zu Folge lächerlich: die Jungen glauben, sie können was ändern! Dabei wissen sie nicht mehr, was richtige Entbehrung bedeute: Kaffee hat bitter zu sein – so bitter, wie die Alten phantasielos sind. Sonst ist die Arbeit, zu der er antreiben soll, nichts wert. Das ganze Getue um ein behagliches Heißgetränk ist doch bloß weibische Ablenkung von den echten Problemen; eine Träumerei, die der rationalen Lösung unserer Schwierigkeiten (z.B. die hohe Arbeitslosigkeit) im Wege steht.
Machen wir uns nichts vor: Eigentlich hat Kaffee bitter zu sein...
Heute ist die Sonne über Wien um 5:49 aufgegangen. Dies war der 279. Second Sunrise, eine persönliche Notiz zu Kaffee und Alltagskultur.
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