_291_ Die rechte Zeit
Bei aller Großzügigkeit, die ich gerne der Welt zuteil werden lassen möchte, habe ich Schwierigkeiten damit, wenn meine Frau aus meiner Kaffeetasse trinkt. Nicht weil mir welcher weggetrunken wird und auch nicht, weil mir mein Heferl heilig wäre – aus welchen neurotischen Gründen auch immer. Vielmehr ist das einschenken und abkühlen lassen schon Teil des Trinkens. Dieser Vorgang wird unterbrochen. Meines Erachtens schmeckt's zwischen 40°C und 50°C am besten. Schon längst lauwarm, aber farbenprächtig, vielfältig – frisch! (Was Frische alles bedeuten kann? Hier lang!)
Kaffeetrinken muss rechtzeitig passieren: man passt den idealen Zeitpunkt ab, an dem der Kaffee nicht mehr zu heiß, noch nicht zu kalt ist. Doch wie beim ersten Sonnenaufgang gilt auch für den Zweiten: wenn mit Muße genossen, ist das ganze ein Spektakel: Zwar kurzweilig, doch kein einzelner Zeitpunkt; vielmehr fließender Übergang, der sich mit Genugtuung auskosten lässt.
Heute ist die Sonne über Wien um 5:09 aufgegangen. Dies war der 233. Second Sunrise, eine persönliche Notiz zu Kaffee und Alltagskultur.
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