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_357_ Entfesslungskünstler

Michel de Certeau beschrieb in "Die Kunst des Handelns" eine denkbar ungünstige Ausgangslage.
_357_ Entfesslungskünstler
Photo by Mike Cox
Unbeweglich im Zug, unbewegliche Dinge vorbeiziehend sehen. Was geschieht? Nichts bewegt sich – weder im Zug noch außerhalb. Der unveränderliche Reisende wird in ein Fach gesteckt, nummeriert und reguliert im Raster des Eisenbahnwaggons, der eine perfekte Verwirklichung der rationalen Utopie darstellt. Kontrolle und Essen bewegen sich von Fach zu Fach: „Fahrkarten, bitte ...“; „Sandwiches? Bier? Kaffee? ...“ Nur die Toiletten bieten eine Flucht aus dem geschlossenen System. Sie sind eine Fantasie für Liebende, ein Ausweg für Kranke, eine Flucht für Kinder („Pipi!“) – ein kleiner Raum der Irrationalität, wie Liebesaffären und Abwasserkanäle in den Utopien früherer Zeiten. Abgesehen von diesem Ausschluss, der Exzessen überlassen ist, hat alles seinen Platz in einem Gitterwerk. Nur eine rationalisierte Zelle reist.

Diese Rationalisierung sind dominante Strategien, die unseren Alltag bestimmen. Alles was an Freiheit bleibt, sind taktische Ausweichmanöver, kleine Tricks hier und da, die solche unterlaufen – gegebenenfalls noch etwas ausgedehnt durch die Fantasien, was sich hinter den Mäuselöchern und den Abflussrohren abspielt, im Kaninchenbau unserer eigenen Vorstellungskraft.


Heute ist die Sonne über Wien um 7:30 aufgegangen. Dies war der 357. Second Sunrise, eine persönliche Notiz zu Kaffee und Alltagskultur.

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