_358_ Max Havelaar
In Max Havelaar oder die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handels-Gesellschaft bringt Multatuli die Ernsthaftigkeit des Kaffeegeschäfts und die Flatterhaftigkeit der Literatur gleich zu Beginn seines Romans in Opposition. Das bereitet die Bühne für eine Kritik des realweltlichen Kolonialregimes veröffentlicht unter einem Pseudonym, das auch inhaltlich weiteres Maskenspiel nach sich zieht:
Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach—ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37—einem Prinzipal—ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft—eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck & Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen.
(Auf Projekt Gutenberg kann man das ganze Buch lesen...)
Heute ist die Sonne über Wien um 7:27 aufgegangen. Dies war der 358. Second Sunrise, eine persönliche Notiz zu Kaffee und Alltagskultur.
Dieser Newsletter erklärt im Espressoformat kostenlos, unabhängig und kritisch eine Nebensache zum Hauptanliegen. Längere Essays und vergangene Aussendungen finden sich auf der Website. Empfiehl unser Projekt und leite das Mail weiter, werde Förder-Mitglied und hilf den Standard zu heben, mit dem wir unsere Gegenwart wahrnehmen. Auch ein einmaliges Trinkgeld hilft meinen kulturhistoriographischen Service aufrecht zu erhalten.
Member discussion