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_277_ Durch die Nase

Auch jene, die keinen trinken, schätzen den Geruch: Kaffee kommt uns paradigmatisch durch die Nase in den Sinn.
_277_ Durch die Nase
Was im Hirn passiert, wenn wir riechen: das Beispiel visualisiert 'natürlich' Kaffee. (Screenshot)

"Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war." Dieser Satz von Cicero wurde von den Empiristen des 17. Jahrhunderts (Locke, Leibniz, Comenius) gerne ins Feld geführt. Das verständige Erfahren ist meist mit dem Gesichtssinn assoziiert, der Geruchsinn ist eher instinktiv begriffen. Offenbar wird er unterschätzt; seine Wichtigkeit erst bemerkt, wenn er abhanden kommt (wie durch Covid-Erkrankungen) – so erzählt es diese Doku.

Und ist nicht auch das charakteristischste Merkmal des Kaffees nicht sein Geruch? Hier wird er zur Illustration gebraucht, der zeigt, dass der Weg von der Nase zu prägenden Erinnerungen besonders kurz ist. Gerüche – etwa die Kombination von Madeleines und Lindenblütentee – sind besonders anregend und versetzen uns prompt in gewisse Situationen zurück und triggern voluminöse Erzählungen. Beim Kaffee ist Geruch unweigerlich zuerst da (auch wenn er nicht gut ist), steigt uns schon beim Zubereiten in die Nase oder wenn wir in die Küche treten und er einen glücklicherweise schon anstrahlt, wie ein olfaktorischer zweiter Sonnenaufgang.


Heute ist die Sonne über Wien um 6:09 aufgegangen. Dies war der 277. Second Sunrise, eine persönliche Notiz zu Kaffee und Alltagskultur.

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