Die Zentrale der Kaffeehauskultur
Wiener Nabelschau im Café Central.
Auf der Homepage des Café Centrals kann man lesen:
Nicht der Stephansdom, das Café Central ist in Wahrheit das „Zentrum“ von Wien, wie der Name ja schon eindrücklich sagt. Der Eingang zu diesem Tempel der Kaffeebohnenanbeter und Patisserie-Genießer liegt Ecke Herrengasse/Strauchgasse im 1. Bezirk. Zu Fuß geht’s flott zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten, Museen und auch zum Graben und der Kärntnerstraße – den edelsten Einkaufsmeilen Wiens.
Zu Gunsten der Wahrheit wurde hier auch gleich alle falsche sowie angemessene Bescheidenheit abgelegt. Immer noch mag man bezweifeln, dass hier gelebte Spiritualität von Kaffeebohnenanbetern anzutreffen ist. (Oder hat jemand wirklich solche schon mal gesehen?)
Das, was nicht zentral ist: Kaffee
‚Das Central ist zentral, weil es zentral liegt.‘ — so lässt sich das Hauptargument zusammenfassen: von hier aus lässt sich das Sehenswürdige mit den Einkäufe leicht vereinbaren. Das macht es für Touristen ideal, die sich nicht erst in der Stadt selbst zurechtfinden zu müssen. Sie können alles flott zu Fuß erledigen oder sogar per Fiaker. Der rollt öfters als der Bus an der Schlange vor dem Central vorbei. Steht hier also wer an, um in dem mit Wien-Besuchern gefüllten Lokal einen Platz zu erhalten, genießt man ein 360-Grad Panorama des guten alten Wiens vom wahrhaften Zentrum aus.
Über den Kaffee erfährt man auf der gleichen Homepage nichts, außer dass er nach wienerischer Terminologie bestellt werden sollte. Damit werde der Obers auch in gewünschter Form — etwa geschlagen — serviert. Man ist inhaltlich quasi historistisch, wie das Palais Ferstel äußerlich das Dach über den Kopf bildet. So wie dieses auf moderne Weise italienische Trecento-Architektur interpretiert, ist die für Wien charakteristische, moderne Kaffeehauskultur um 1900 im Central erfolgreich musealisiert. Das lässt man sich sogar etwas kosten, wird sogar einer der wertvollen Verabreichungsplätze einer Altenberg-Figur vor Ort überlassen. Da staunt man nicht schlecht, dass man das heute mit einem bekennend Pädophilen noch machen kann. Doch nur durch den Mangel an Kontext ist die leere Hülle, die das Central nun heute ist zu verstehen.
Laut Auskunft derselben Homepage waren einmal drei Tätigkeiten für das Treiben im Café Central wesentlich:
- Öffentlicher Meinungsaustausch,
- Schach
- und Billard.
Die Spiele können jeweils für das performative Erproben der eigenen Kognition bzw. Fingerfertigkeit stehen. Irgendwo zwischen diesen Polen von Strategie und Geschick wird die Beredsamkeit spielerisch kultiviert. Was bleibt davon? Konkret: schwarz-weiß Photographien. Sie illustrieren, wie um die Jahrhundertwende die Berühmtheiten ein und aus gingen. Auf Essayisten und Augenzeuge Alfred Polgar ist Verlass; leicht kann man aus seiner „Theorie des Café Centrals“ zitieren:
„Es ist ein Caféhaus, nehmt alles nur in allem! Ihr werdet nimmer solcher Örtlichkeit begegnen.“
Auf den Kaffee als Essenz reduzieren lässt sich das Kaffeehaus nicht. Alles — die Spiele, die Speisen, die Staffage, die handelnden Personen — ist nur in allem zu nehmen. Auf nichts lässt sich das Café-Erlebnis reduzieren. Und dementsprechend auch nicht wiederholen: Man steigt nie in den selben Fluss. Nimmer werden wir dieser Örtlichkeit begegnen — wie sich das bewahrheiten sollte, hat er selber vermutlich kaum erahnen können. Dieser Fluss ist nicht mehr wiederzuerkennen: reguliert, begradigt und wirtschaftlich voll ausgelastet. Kein Mäandern, kein Zeitvertreib oder Verweilen mehr in diesem Strom. Das Erbe des Altwiener Kaffeehauses sind nicht innovative Dritte Orte (z.B. hier in Kopenhagen), sondern das Einkaufszentrum.
Alles in allem
Diese Örtlichkeit ist von jedem Spiel gereinigt und den Schaulustigen überlassen, die sich eine alt-wiener Kaffeehauskultur in die restaurierte Kulisse hineindenken dürfen. Nach Polgar sind Centralisten „Bewohner […], die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ Diese Funktion des Kaffeehauses als Provider von Gesellschaft für die einsame Wiener ist längst global durch Smartphone samt Social Media-App technisch implementiert worden und damit weltweit unabhängig vom eigenen Standort. Jeder kann nun überall Zentralist sein. Den Ureinwohnern des Café Centrals werden wir nicht mehr begegnen. Die spezifische Wiener Kultur des Kaffeehauses wird genüge getan, wenn man sich auf Details kapriziert, wie der Löffel auf einem obligatorisch dazugereichtem Wasserglas, nach habsburgischer Tradition. Solche Codes sind Marketing-Gags; der förmliche Umgang untereinander ist obsolet; es zählt nur jener Teil der Cafékultur der sich lokal monetarisieren — sprich: vom Herrn Ober bonieren — lässt. Wir werden in der Tat nimmer solcher Örtlichkeit begegnen.
Das Kaffeehaus hat nicht nur als Ort des gepflegten Schachs oder Billiard ausgedient. Auch wenn auf praktischen, wie klassischen Halterungen ein breites Zeitungsangebot aufgespannt wird, ändert daran auch nichts, dass das Kaffeehaus keine Platform des gepflegten Austauschs ist. Eine medienpolitisch brisante Interpretation der Wiener Kulturinstitution, die sich nur als alles in allem nehmen lässt, liefern Die Vier Da ganz beiläufig: Das Kabarett-Quartett (Henning, Maurer, Scheuba und Steinhauer) führen den Weg zur fiktiven Drei-Mann-Redaktion, die alle Zeitungen Österreichs macht, just durch die Küche des Centrals. In Analogie zur Kanalisation, durch welche Touristen mit der Szenerie des Dritten Manns vertraut gemacht werden, kann der Fernsehzuseher bezeugen, wie über die Hintertür des zentralen Cafés versteckte Büros erreicht werden — stilecht über den Paternoster. Dort wird die öffentliche Meinung geschalten, die dann auf der Vorderbühne des Kaffeehauses rezitiert wird. Im Café Central entsteht und echot der nur in Meinungsvielfalt getarnte Journalismus.
Gänge, Kanäle, Wege… Was wäre die Zentralität ohne ihren Verbindungen in die Peripherie? Genau diese Zentralität, wo der eifrig bedienende Herr Ober ‚auch wer ist‘, wird in der Öffentlichkeit des Cafés zur Schau getragen. Dieser Zusammenhang im Nebensächlichen ist heute nicht mehr unmittelbar zu erkennen. Denn das Wiener Kaffeehaus ist selbst Nebensache geworden, zur Raststätte am Wegesrand der Touristenmassen, die sich durch die Innenstadt wälzen. Wenn man alles in allem nimmt, bleibt heute nicht viel über als Reminiszenz.
Kaffee-Tourismus ohne Touristen-Cafés
An der eigenen Espressobar wurde immer wieder die Parole ausgegeben: „Wien hat Kaffeehauskultur, keine Kaffeekultur.“ Das widerspricht jetzt nicht wirklich Polgars der Theorie des Centrals. Aber es erklärt auch warum ehrlich an Kaffee interessierte sich nicht den selbsterklärten Tempel der Kaffeebohnenanbeter verirren. Dafür ist denkt man viel zu wissenschaftlich über das Lieblingsgetränk nach.
Es ist noch gar nicht so lange her — 15 Jahre grob gesprochen — da waren speciality coffee shops noch ein Nischenprogramm. Manche hatten damals schon sich einem neuen Standard angepasst und gaben sich nicht mehr mit gewöhnlichem Kaffee im Reisealltag zufrieden. Diese planten den anstehenden Städtetrip entlang einer Route, die sich aus den wenigen Möglichkeiten mit angemessenem Kaffee zu rasten ergab. Sie führte von nettem kleinen Café (A) zur Manufaktur-Rösterei (B) bis hin zum Platzhirsch der örtlichen Szene (C). Entlang dieser Route nahm man dann die Sehenswürdigkeiten mit — oder eben nicht. European Coffee Trip hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Dann gibt man sich als jener Purist, der lieber in das ‚eigentliche Stadtleben‘ abtaucht. So hängt man einfach den ganzen Tag in solchen Kaffeehäusern ab und wird zum Inventar der hippen Stadtvierteln. Ähnlich wie im ‚guten, alten Wien‘, dessen „Kaffeehauskultur“ selbst zur Sehenswürdigkeit für den Massentourismus versteinert ist.
Sucht man sich als Kaffeeliebhaber seine Route entlang der passablen Cafés können die Wege abseits der klassischen Touren verlaufen oder an der neo-gotischen Architektur des Café Centrals vorbei führen. Ein Beispiel, in welchem sich abzeichnet, dass das Kaffeegetränk selbst durchaus essentiell zu sein scheint, um nicht im Einheitsbrei der Imagepflege der Kaffeehäuser stecken zu bleiben. Mittlerweile ist das Programm dieser coffee shops selbst schon kodifiziert. Die Kundigen lesen die Ausstattung an Maschinen, kennen die tonangebenden Röstereien und wissen vielleicht sogar, welche Sorten gerade Saison haben. Kaffee selbst ist zu einem Spiel geworden, in welchem sich einerseits die Barista in Geschick und Service üben; und andererseits die Gäste in der intellektuellen Bewältigung des sinnlichen Erlebnisses.


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